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Multiple Sklerose im Alter

Multiple Sklerose ist die häufigste nicht traumatische neurologische Erkrankung in Deutschland und sie ist dritthäufigste Erkrankung hinsichtlich der Entwicklung schwerer Behinderungen. Zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr tritt diese Erkrankung am häufigsten auf und zwar in einem Verhältnis 2:1 zuungunsten des weiblichen Geschlechts. Bei ungefähr 7% aller betroffenen beginnt die Erkrankung bereits vor dem 20. Lebensjahr. Menschen, die das 50. Lebensjahr erreicht haben, haben ein Risiko von 7 % an Multiple Sklerose zu erkranken.

Mit dem Altern steigt die Inzidenz chronischer Erkrankungen wie Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Erkrankungen aus dem rheumatischen formenkreis sowie auch andere kardiovaskuläre Erkrankungen, den sogenannten Zivilisationskrankheiten. Mit höherem Lebensalter nimmt die Lebensqualität im Allgemeinen ab. Vor mehr als 30 Jahren ging man davon aus, dass die die Lebenserwartung der MS-Patienten sich um 10-15 Jahren verkürzen würde. Die Lebenserwartung hat sich jedoch bereits vor Einführung der modernen immunmodulatorischen Therapie verlängert und sie nährt sich zunehmend der Lebenserwartung von gesunden Menschen.

Daher stehen zunehmend vielmehr die altersbedingten Erkrankungen, die eine MS-Symptomatik verstärken können im Fokus. Im Alter kommt es im Verlauf zu einer Abnahme der Kraft, der Ausdauer und zu einer Zunahme von Behinderungen im Alltag und zu einer Einschränkung der Teilhabe im Leben. Inzwischen weiß man, daß es bei Betroffenen im Alter von über 50 von den Symptomen bis zur Diagnosestellung ca. 5,4 Jahre im Durschnitt dauert im Vergleich zu jüngeren Menschen, die an Multiple Sklerose erkranken. Hier beträgt die Dauer von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung im Durchschnitt 3,1 Jahren.

Das könnte darauf zurück zu führen sein, dass zum einen vielen noch nicht bewußt ist, dass auch nach dem 50. Lebensjahr Menschen an multiple Sklerose erkranken können und zum anderen könnten die sogenannten Alterskrankheiten die Symptome einer multiplen Sklerose kaschieren. Während eine Fußheberparese oder eine andere Gangstörung oder Sensibilitätsstörung bei einem jungen Mann direkt auch an einer MS denken lassen könnte, könnten diese Symptome im Alter auf Polyneuropathien, degenerative Erkrankungen etc. zurückgeführt werden.

Die Symptome der Multiplen Sklerose im Alter können sich von denen bei jüngeren Menschen unterscheiden. Im Alter stehen eher Gangstörungen, Gleichgewichtsstörungen als Symptome einer Multiplen Sklerose im Vordergrund. Sehstörungen hingegen, dabei ist nicht die Rede von einer typischen altersbedingten Sehschwäche, treten im Alter bei neu an Multiple Sklerose Erkrankte seltener auf. Umso wichtiger ist eine gründliche neurologische Anamnese und Untersuchung. Im Mittel tritt eine Multiple-Sklerose Erkrankung bei älteren Menschen im Alter von 53,5 Jahren auf. In den meisten Fällen handelt es sich um eine schubförmige Form der Multiplen Sklerose.

Der Verlauf der MS ist recht individuell. Primär progredient sind etwa (10%) der MS-Patienten im Alter, die meisten (85%) haben zu Beginn Schübe. Im Durchschnitt sind es anfangs 1,8 Schübe pro Jahr, im Lauf der Zeit werden es weniger. Fast alle MS-Patienten mit primären Schüben werden irgendwann sekundär progredient.

Bei den Patienten über 50 Jahren überwiegen motorische Funktionsstörungen sowie cerebelläre Störungen und eine Störung des autonomen Nervensystems. Die meisten dieser Patienten benötigen eine Gehilfe, um eine Strecke von 100 m zurücklegen zu können. Viele sind nicht mehr in der Lage ihre Wohnung zu verlassen. Viele dieser Patienten klagen über Spastiken, Ganzkörperschmerzen, Schlafstörungen und Harninkontinenz oder Harnverhalt. Nicht weniger dieser Patienten geben depressive Symptomatiken an wie Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit und eine innere Leere an. Nicht weniger haben dabei auch Suizidgedanken.

Die Behinderung bei älteren MS-Patienten über 65 Jahren ist erheblich häufiger und ausgeprägter als bei jüngeren MS-Patienten. Damit geht eine massive Einschränkung im Alltag einher. Hinzukommt, dass viele der MS-Erkrankten im Alter alleine leben im Vergleich zu jüngeren MS-Erkrankten. Bei älteren MS-Patienten sind Toilettengänge häufiger, daher müssen sie nachts häufiger aufstehen, um die Toilette aufzusuchen, was nicht selten zu schweren Stürzen führt mit Oberschenkelhalsfrakturen und anderen Frakturen.

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist im Alter progredienter (schreitet also stärker/schneller voran), was damit zusammenhängt, dass zum einen die MS-Medikamente im Alter nicht mehr so wirken wie bei jüngeren MS-Patienten und em höheren Behinderungsgrad. Die Schubrate hingegen bei der schubförmigen Form der Multiplen Sklerose scheint altersunbhängig zu sein. In der tat zeigen über 65 -jährige keine höhere Schubrate als jüngere MS-Patienten. Der chronisch-progredienter Verlauf ist jedoch bei MS-Patienten über 50 Jahren deutlich höher als bei jüngeren MS-Patienten. Bei einer aktiven MS, das heißt bei Schüben, neuen Läsionen in der Kernspintomographie oder klinisch relevanter Verschlechterung, ist eine MS-Therapie auch im Alter indiziert.
 

Komplexneurogeriatrische Behandlung bei MS-Patienten im Alter im AKH

Wir müssen auf spezielle Bedürfnisse ältere MS-Patienten spezifischer eingehen und Therapien anbieten, die nicht nur die motorischen Defizite behandeln, sondern auch die kognitiven Störungen wie auch die emotionalen Belastungen. Neben einer medikamentösen Therapie, sollten insbesondere Physiotherapie, Ergotherapie, Psychologie und Neuropsychologie sowie auch Logopädie eine signifikante Rolle in der Behandlung dieser Patienten spielen. Ferner ist eine psychosoziale und psychotherapeutische Begleitung erforderlich. Der MS-Patient im Alter sollte eine ganzheitliche Behandlung erhalten. Man spricht in den Fachkreisen von einer multimodalen Therapie.

Die Klinik für Geriatrie und Neurogeriatrie im Allgemeinen Krankenhaus Celle bietet im Rahmen einer sogenannten Komplexbehandlung eine solche auf den Patienten angepassten multimodalen Therapie an. Das ziel einer solchen Behandlung ist nicht nur die Einstellung oder Umstellung der medikamentösen Therapie, sondern vielmehr werden gezielt und intensiv die motorischen, sensiblen und kognitiven Ausfälle behandelt. In Zusammenarbeit mit den Angehörigen und unserem Sozialdienst streben wir die Reintegration der MS-patienten in ihr häusliches Umfeld. Dabei werden auch Hilfsmittel während des klinischen Aufenthaltes ausprobiert und ggf. auch für zuhause verschrieben, um die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen und die Angehörigen zu entlasten. Selbstverständlich stehen uns alle diagnostischen Möglichkeiten des Hauses zur Verfügung, um eine effiziente und rasche Diagnostik durchführen zu können und somit auch schneller zu behandeln und therapieren.

Komorbiditäten im Alter

Bei MS-Patienten über 65 Jahren treten überproportional häufig Harnwegsinfekte, Dekubitalulzera, Pneumonien, Blasenstörungen . Andreseits sind typische mit dem Alter korrelierte Erkrankungen wie arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienzen , chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, koronare Herzkrankheit  und Diabetes mellitus bei MS Patienten seltener, Osteopenien hingegen häufiger als in der Normalbevölkerung auf. 

In der Summe zeigen MS-Patienten häufiger Depressionen, Angststörungen, Hypertonie, Hypercholesterinämie und chronische Lungenerkrankungen. Auch vaskuläre Probleme nehmen mit dem Alter zu, und sie sind bei MS-Patienten häufiger als in der Gesamtbevölkerung. 

MS-erkrankte im Alter leiden häufiger an Ängste, weil sie den Verlust der Mobilität fürchten und eine Zunahme an Abhängigkeiten. Des Weiteren möchten sie ihren Kindern und Angehörigen nicht zur Last fallen.

Auch die Ernährung spielt bei der Entstehung der MS eine entscheidende Rolle. Aber auch im Hinblick auf weitere Schübe sowie Kraft und Ausdauer. Ältere Menschen trinken zu wenig und ernähren sich mehrheitlich sehr fettlastig. Man spricht von einer Fehlernährung. Zudem zeigen sich bei älteren MS-Patienten sehr häufig Mangel an Vitamin D und E. Insbesondere Vitamin D spielt bei der Reduktion von Schüben eine nicht unerhebliche Rolle. Auch im Hinblick auf Osteoporose ist eine ausreichende Vitamin D-Zufuhr entscheidend. MS-Patienten haben häufiger Osteopenie im Alter als Gesunde im gleichen Alter. Konsekutiv kommt es bei MS-Patienten im Alter häufiger zu Stürzen mit Rippen-Wirbelfrakturen und Extremitätenfraktur. Die Multiple Sklerose im Alter führt zu einer Vorverlegung von Erkrankungen, die an sich erst in einem sehr hohen Alter auftreten. Neurodergenerative Abbauprozesse im Alter werden durch den entzündlichen Prozess beschleunigt.

Im Allgemeinen herrscht die Meinung, dass die Multiple Sklerose eine fast ausschließliche Erkrankung des jüngeren Alters ist. Tatsache jedoch ist, dass diese Erkrankung auch bei über 50-Jährigen häufiger auftritt. Umso wichtiger ist eine adäquate Anamnese, Diagnostik und Therapie. Neben der Immuntherapie bei älteren MS-Patienten sind weitere Therapien erforderlich. Die motorischen Einschränkungen bedürfen einer intensiven physiotherapeutischen und ergotherapeutischen Behandlung, um die Teilhabe am leben aufrecht erhalten zu können und einer Pflegebedürftigkeit vorbeugen zu könne. 
 

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